Am 29. und 30. Juni 2019 hat unsere Theatergruppe „Ojo Morado“ mit zwei öffentlichen Aufführungen auf dem Sportplatz der Wohngemeinschaft das Theaterprojekt „Sturm in den Bergen / Tempestad en los Andes“ – frei nach der gleichnamigen Erzählung des bolivianischen Autors Walter Guevara Arze – abgeschlossen.


Die Geschichte handelt von einem Bergarbeiter namens Mamani, dessen Frau María an einer Lungenentzündung verstorben ist. Um sie würdig beerdigen zu können, muss er sich Geld von seinem Arbeitgeber, dem Bergbauunternehmen, leihen. Dies wiederum schmälert seinen Lohn derart, dass er seine kleinen Kinder Juanito und Marucha kaum noch ernähren kann.


Als der Händler Gonzáles mit seinem Pferd ins Minencamp kommt, beschließt Mamani zu fliehen. Gegen einen Geldbetrag ist Gonzáles bereit, Juanito und Marucha auf seinem Pferd mitzunehmen. Mamani erklärt den Kindern, dass er in der folgenden Nacht nachkommen werde. Der Händler bricht auf, doch anstatt zügig den Weg über den Pass zu nehmen, der zum Nachbardorf führt, macht er einen Umweg, um eine Ladung Mineralien abzuholen, die in der Mine gestohlen wurde. Trotz der Warnung, dass jeden Moment ein Schneesturm ausbrechen kann, schickt er die Kinder zu Fuß voraus – was zur unvermeidlichen Katastrophe führt.


Insgesamt haben 30 Schauspielerinnen und Schauspieler an dem Theaterprojekt teilgenommen: Kinder und Jugendliche von Tres Soles, einige Betreuerinnen und Betreuer, mehrere Mitglieder des Studenten- und Lehrlingsheims Luis Espinal, ehemalige Bewohner von Tres Soles sowie zwei deutsche Freiwillige.


Die Projektarbeit erstreckte sich über einen Zeitraum von anderthalb Jahren. Wie bei unserer erzieherischen Theaterarbeit üblich, gehörten dazu die gemeinsame Lektüre der Originalerzählung, eine „Recherchereise“ mit der gesamten Gruppe in den Minendistrikt von Oruro/Llallagua, Videoaufnahmen vor Ort für die Hintergrund- und Kulissenbilder des Stücks, das Sammeln von Ideen, das Schreiben des Drehbuchs, die Herstellung der Requisiten, der Aufbau der Kulissen sowie die Vorbereitung der Technik. Zum Einsatz kamen zwei Beamer und zwei Leinwände – und nicht zu vergessen die täglichen Proben in den letzten fünf Monaten.


Einer der Höhepunkte unserer Arbeit war ein einwöchiger Theaterworkshop mit Freddy Chipana. Er ist nicht nur ehemaliges Mitglied von Tres Soles, sondern auch Gründungsmitglied unserer Theatergruppe „Ojo Morado“ und seit langem professioneller Schauspieler.


Durch die Teilnahme unserer Kinder und Jugendlichen an der Pferdetherapie auf einer Pferdefarm war sogar die Mitwirkung eines echten Pferdes im Stück möglich.


Die zweite Aufführung am Sonntag wurde vom lokalen Fernsehsender TV Familia aufgenommen und am darauffolgenden Tag in einer 20-minütigen Zusammenfassung ausgestrahlt.


Ich denke, es war ein würdiger Abschluss nach 30 Jahren Theaterarbeit im Rahmen der erzieherischen und therapeutischen Aktivitäten von Tres Soles. Aus verschiedenen Gründen – unter anderem dem Fehlen staatlicher Unterstützung für den Fortbestand des Projekts – war es wohl das letzte große Theaterprojekt.