Am 17. und 18. Oktober 2014 fand in Tres Soles das lange erwartete Treffen ehemaliger Mitglieder der Wohngemeinschaft statt, zu dem wir alle drei Jahre einladen. Das Treffen wurde am Samstagabend mit einem einfachen Abendessen und einem „Kulturprogramm“ eröffnet, bei dem Tänze aufgeführt und Lieder gesungen wurden. Weiter ging es nach dem Frühstück am Sonntagmorgen mit einer Gesprächsrunde.


Es nahmen 28 junge Männer und Frauen teil, die einmal in der Wohngemeinschaft gelebt haben. Unter ihnen waren Lucio, Braulio und Joaquín, die vielen Besuchern der Internetseite bereits bekannt sind (siehe „Erfolgsgeschichten“), aber auch viele andere, die seit ihrem Weggang von Tres Soles viel über ihren bisherigen Lebensweg zu berichten hatten. Für die derzeitigen Bewohner der Wohngemeinschaft ist es wichtig zu erfahren, was man erreichen kann, wenn man sich bemüht, und welche Fehler man vermeiden sollte.


Was uns am meisten berührte, waren jedoch nicht die sogenannten „Erfolgsgeschichten“, sondern die ehemaligen Solesianer mit ihren Lebensgefährtinnen und Lebensgefährten mit ihren lachenden und spielenden Kindern zu sehen. Da sind zum Beispiel Benjamin, der heute Lastwagenfahrer ist und zwei Jungen im Alter von zwei und vier Jahren hat; und Edgar, Anstreicher, der zwei eigene Kinder hat und auch das Kind seiner Frau angenommen hat. Gladys, Friseurin von Beruf, hat drei Kinder und ist vor acht Monaten mit 38 Jahren bereits Großmutter geworden.


Für uns ist es schließlich nicht so wichtig, ob sie einen Beruf erlernt oder studiert haben und welche Jugendstreiche sie auch immer begangen haben mögen. „Ich habe meine Chance, die ich in Tres Soles hatte, nicht genutzt“, gibt einer in der Gesprächsrunde freimütig zu, und ein anderer sagt schelmisch lachend: „Oh, wie schlecht habe ich mich damals benommen!“
Wirklich wichtig ist heute, wie sie ihre Verantwortung übernommen haben und dass sie ihren Kindern nicht das antun, was ihnen selbst angetan wurde. Im Laufe der Gesprächsrunde kommt die Rede auf einen ehemaligen Kameraden, der seine Frau und seine Kinder schlägt. „Wie kann man denn nur seine eigenen Kinder misshandeln? Es sind doch diejenigen, die man am meisten liebt“, fragen sie sich. Leider werden in Bolivien laut Statistiken acht von zehn Kindern körperlich misshandelt.


Das Treffen ging am Sonntag mit einem leckeren Mittagessen und einem Sportprogramm am Nachmittag zu Ende. Am nächsten Tag stellte Joaquín folgenden Satz, zusammen mit einem Gruppenfoto, auf Facebook ein: „Wenn mein Leben reibungslos verlaufen wäre, hätte ich diese Familie nicht gefunden … Hier bin ich aufgewachsen, dies ist mein Zuhause, hier habe ich meine Spuren hinterlassen. Ich erinnere mich, dass ich nicht der perfekte Sohn war, den jeder Vater gern hätte, aber man hat mich trotz meiner Streiche so akzeptiert, wie ich bin. Danke, ich kann nur wenig zurückgeben im Vergleich zu dem, was ich erhalten habe … Es gäbe so viel zu erzählen, aber ich glaube, dass das Foto, das ich gemacht habe, weit mehr aussagt.“ Joaquín widmet diesen Eintrag seinem lindo Santiaguito, seinem kleinen Sohn.