In der letzten Zeit haben sich die Ereignisse bei uns leider überstürzt, was im Klartext bedeutet, dass wir das Projekt Tres Soles in seiner bisherigen Form nicht mehr weiterführen können. Einer der Hauptgründe ist die politische Situation, die sich zunehmend zu unseren Ungunsten entwickelt hat.


Es ist bekannt, dass der bolivianische Staat unser Projekt nie unterstützt hat, obwohl wir eigentlich die Arbeit leisten, zu der er von Gesetzes wegen verpflichtet wäre. Im Gegenteil: Man hat uns immer wieder bürokratische Hindernisse in den Weg gelegt. Diese Haltung lässt sich nur damit erklären, dass eine „unabhängige Erziehung“, die die Grundvoraussetzung für unsere Arbeit ist, nicht mit den Programmen einer „sozialistischen“ Regierung vereinbar ist. Zweifellos zielt diese Politik darauf ab, Schülerinnen und Schüler zu indoktrinieren.


Der Höhepunkt dieser Entwicklung war ein neues Gesetz, das besagt, dass kein Kind länger als zwei Jahre in einer solchen Einrichtung bleiben darf. Einige Kinder wurden zuletzt nur noch für wenige Wochen bei uns untergebracht – anders kann man es kaum ausdrücken. Unser gesamtes Konzept, das auf eine notwendige langfristige Therapie- und Erziehungsarbeit bis hin zum Schulabschluss und einer Berufsausbildung ausgerichtet ist, wurde damit ausgehebelt.


Es gibt jedoch auch andere Veränderungen, die früher oder später zu Problemen im Projekt führen würden, wenn wir nicht jetzt Maßnahmen ergreifen. Als das Projekt Tres Soles 1989 gegründet wurde, wurde es zunächst sporadisch von einzelnen Gruppen und Personen unterstützt. Anfangs waren es Freunde und Verwandte, die sich später zum Förderverein Tres Soles zusammenschlossen. Aus Deutschland erhielten wir Unterstützung durch die befreundete Kirchengemeinde St. Konrad in Mannheim. Die finanzielle Lage verbesserte sich deutlich, als sich das Kindermissionswerk in Aachen bereit erklärte, alle Spenden um 20 % aufzustocken.


Ende 2022 lief die Zusammenarbeit mit dem Kindermissionswerk aus. Leider haben auch viele unserer langjährigen Spender ein Alter erreicht, in dem es schwerfällt, sich weiterhin zu engagieren, oder sie weilen nicht mehr unter uns. Neue Spender sind schwer zu gewinnen. Vor einigen Jahren wurden zudem die regelmäßigen Touristenbesuche des deutschen Reiseveranstalters Aventoura in unserem Projekt aufgrund der unruhigen politischen Lage eingestellt. Ebenso mussten wir häufig auf ausländische Freiwillige verzichten, da die Visabeschaffung immer komplizierter wurde.


Nun möchten wir noch einige persönliche Gründe nennen, die zu unserem Entschluss geführt haben. Wir haben stets betont, dass wir die Leitung des Projekts im Alter von 60 Jahren abgeben möchten, da man zunehmend den Bezug zur Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen verliert.


Weitere Gründe sind der hohe Energieverschleiß und die Abnutzungserscheinungen, die mit dieser Arbeit einhergehen. Das Konfliktpotenzial, das diese traumatisierten jungen Menschen mit sich bringen, stellt eine ständige Herausforderung für jeden Erzieher dar und birgt ein dauerhaftes Risiko für die Aufrechterhaltung des Projekts.


„Ein Gramm Marihuana, das von der Drogenpolizei in der Wohngemeinschaft gefunden würde, oder die geringsten Anzeichen von sexuellem Missbrauch zwischen den Bewohnern wären für die Behörden ein willkommener Anlass, das Projekt endgültig zu schließen“, stand bereits in einem der ersten Rundbriefe von Tres Soles vor über 30 Jahren.  Wir haben jahrzehntelang unter diesem, manchmal fast unerträglichen Druck gearbeitet, und es ist verständlich, dass wir nun etwas ruhiger und entspannter leben möchten – auch um unserer Gesundheit willen.


Es gibt noch weitere Gründe, doch es würde zu weit führen, auf dieser Seite auf alle einzugehen. Das Wichtigste war für uns in den letzten Monaten dieses Jahres, für jedes einzelne Kind eine gute Lösung zu finden, was uns tatsächlich gelungen ist – sei es in einem anderen Heim oder in der Familie.


Das Jugendamt bestand allerdings auf einer Nachbetreuung, was uns entgegenkam, denn genau das wollten wir erreichen: die Möglichkeit, die Kinder und Jugendlichen auch weiterhin bei ihren Bedürfnissen und Problemen zu begleiten, sodass sie sich nicht allein gelassen fühlen müssen.