Es war Anfang der Nullerjahre, als Sebastian Valbuena, ein deutscher Freiwilliger, uns vorschlug, für Tres Soles eine Internetseite einzurichten. Es sei an der Zeit, meinte er, „mit der Zeit“ zu gehen, denn immer mehr Menschen würden sich weltweit auf diesem Weg informieren. „Wenn du dieser Meinung bist, dann sieh auch zu, wie du das umsetzt“, antwortete ich etwas kurz angebunden. Um ehrlich zu sein, sah ich damals den Nutzen einer Internetseite noch nicht so recht ein und hatte zudem keine Ahnung, wie so etwas überhaupt funktionieren sollte.
Passenderweise hatte Sebastian kurz zuvor in einem Kurs gelernt, wie man Internetseiten erstellt, und machte sich sofort an die Arbeit. Mit viel Kreativität entwickelte er zwei Bereiche, die damals auf den Internetseiten sozialer Projekte kaum zu finden waren: einen „virtuellen Rundgang“, bei dem alle Zimmer und Räume der Wohngemeinschaft buchstäblich durchwandert werden konnten, sowie eine „Solesianer-Seite“, auf der sich alle Mitglieder vorstellten und von ihrem Leben, ihren Zukunftsplänen sowie ihrer Lieblingsmusik, ihren Lieblingsfilmen und ihren Lieblingsbüchern erzählten.
Als Sebastian später wegen seines Studiums die Zeit fehlte, die Internetseite weiter zu betreuen, übernahmen Stefan Heumann und seine Frau Barbara diese Aufgabe und verwandelten sie in eine wirklich professionelle Homepage. „Das machen wir!“, sagte Barbara – gerade so, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt. Gleichzeitig „zwangsverpflichteten“ sie, wie sie selbst augenzwinkernd formulierten, den mit ihnen befreundeten Informatiker Silvan Greverus, der sich von da an um die gesamte technische Seite kümmerte.
Stefan Heumann war schon kurz vor Sebastians Vorschlag mit einer Reisegruppe von AvenTOURa bei uns zu Besuch gewesen. Der deutsche Reiseveranstalter verband seine Reisen mit Besuchen sozialer Projekte. Zur selben Gruppe gehörte auch Angelika Ress, beide arbeiteten bei demselben Konzern.
Aus diesen Begegnungen entstanden Freundschaften, die bis heute bestehen. Während Stefan, Barbara und Silvan die Entwicklung unserer Internetseite übernahmen, unterstützte uns Angelika Tres Soles auf andere Weise. Sie blieb dem Projekt über all die Jahre eng verbunden und kehrte später noch einmal als Freiwillige für drei Monate nach Bolivien zurück.
Mehrere Jahre lang funktionierte alles ausgezeichnet, und die Internetseite wurde von den Besucherinnen und Besuchern sehr positiv aufgenommen. Dann jedoch wurden wir zum Jugendamt in Cochabamba vorgeladen. Meine Frau Guisela erschien dort, ohne sich etwas dabei zu denken. Im Büro erwarteten sie bereits der Leiter des Jugendamtes und dessen Rechtsberater.
„Fotos von Kindern ohne die Zustimmung ihrer Eltern auf einer Internetseite zu veröffentlichen, ist verboten“, eröffnete der Leiter das Gespräch ohne Umschweife. Aha – darum ging es also.
„Wir haben doch die Vormundschaft für diese Kinder, und in den zehn Jahren, seit wir die Internetseite betreiben, hat es nie Beschwerden gegeben.“
„Das sind neue gesetzliche Bestimmungen, und die müssen eingehalten werden“, schaltete sich nun der Anwalt ein, der sich bis dahin zurückgehalten hatte. „Alle Fotos, auf denen Kinder erkennbar sind, müssen entfernt werden. Ebenso ihre Namen und die Texte, die sie geschrieben haben. Ihr könnt doch nicht auf diese Weise mit den Kindern Geschäfte machen! Im Übrigen könnten die Fotos von Pädophilen missbraucht werden. Bis morgen müssen sämtliche Bilder entfernt sein, andernfalls werden wir Strafanzeige erstatten.“
„Die einzige Absicht unserer Internetseite war es, über die Aktivitäten des Projekts zu informieren und unsere pädagogischen Grundsätze mit anderen Menschen zu teilen“, schrieb ich später in einem Brief an unsere Freunde und Spender. „Außerdem wollten wir auch die Kinder und Jugendlichen selbst zu Wort kommen lassen. Sie haben mit großer Begeisterung mitgewirkt. Niemals wäre uns der Gedanke gekommen, dass ihre harmlosen Texte und Fotos von Pädophilen oder anderen Menschen mit kriminellen Absichten missbraucht werden könnten – umso weniger, wenn man bedenkt, dass sich auf unzähligen Internetseiten und in den sozialen Medien Abertausende von Kinderfotos finden. Auf unserer Internetseite gab es kein einziges anstößiges Bild und ebenso wenig vertrauliche persönliche Daten.“
Heute ist es selbstverständlich, dass jeder, der sich über ein bestimmtes Thema informieren möchte, zuerst – und vielleicht sogar ausschließlich – im Internet recherchiert. Im Widerspruch zu manchen Menschen in Bolivien, die offenbar glauben, das Geld falle für soziale Projekte vom Himmel, möchte ich an dieser Stelle noch einmal betonen, dass der Staat uns niemals auch nur mit einem einzigen Centavo unterstützt hat. Tres Soles war von Anfang an ausschließlich auf Spenden angewiesen.
Stefan, Barbara und Silvan ließen sich von den neuen Vorschriften nicht entmutigen. Gemeinsam sorgten sie dafür, dass unsere Internetseite den gesetzlichen Bestimmungen angepasst wurde – und setzten diese Arbeit auch fort, als die Kinder- und Jugendwohngemeinschaft 2021 geschlossen und das Projekt in „Indigo Sol“ umbenannt wurde. Silvan kümmerte sich während all dieser Jahre um die technische Umsetzung. Stefan arbeitete mehrere Jahre als Schriftführer im Vorstand des Unterstützervereins Tres Soles mit und reiste sogar noch einmal eigens nach Bolivien, um neue Fotos für die Internetseite aufzunehmen. Barbara koordinierte die Neugestaltung der Homepage mit ihrer gewohnt unkomplizierten Tatkraft.
Angelika engagierte sich auf andere Weise. Sie ermöglichte,  dass durch einen Förderfond ihres Arbeitgebers über viele Jahre hinweg die Spenden zu unseren Gunsten verdoppelt wurden – ein wichtiger Beitrag zur finanziellen Stabilität von Tres Soles.
Immer wenn wir mit unserer Theatergruppe oder im Rahmen einer Lesereise nach Deutschland kamen, gab es ein „Heimspiel“ – in Dachau bei Familie Heumann und Silvan oder in Hamburg bei Angelika. Wenn man sich bei ihnen für ihren Einsatz bedankte – und das möchten wir auch an dieser Stelle wieder tun –, lautete die Antwort  immer: „Das machen wir doch gern!“