Ludwig März lernten wir 1999 während der Tournee unserer Theatergruppe „Ojo Morado“ durch Deutschland und die Schweiz kennen. Als Vorsitzender des Vereins Inti Runa hatte er für uns im Theater Mobile in Zwingenberg eine Aufführung des „Kinderkreuzzugs“ von Bertolt Brecht organisiert. Schon beim ersten Gespräch spürten wir, dass uns etwas Gemeinsames verband. Als wir ihm erklärten, was wir unter Erziehung durch Kunst verstanden – durch Malen, Musik, Tanz und Theater –, begriff er als Künstler sofort, worum es uns ging.
„Ich habe Bolivien bereits 1979 als junger Mann auf einer Motorradreise kennengelernt. Die Landschaften, die indigene Kultur, aber auch die große Armut haben mich tief beeindruckt“, erzählte er mir bei unserer ersten Begegnung. Viele Jahre später gründete er zusammen mit einigen Freunden den Verein „Inti Runa – Hilfe für bedürftige Menschen in Bolivien“. Der Name stammt aus der Quechua-Sprache und bedeutet „Kinder der Sonne“ – ein Name, der viel über seine Verbundenheit mit dem Land aussagt.
Inti Runa wollte nie eine ferne Hilfsorganisation sein. Ludwig war es wichtig, die Menschen persönlich kennenzulernen, ihre Lebensrealität zu verstehen und Hilfe direkt und ohne Umwege dorthin zu bringen, wo sie gebraucht wurde. Deshalb reiste er immer wieder auf eigene Kosten nach Bolivien – nicht als Funktionär, sondern als jemand, der zuhören wollte. Oft saß er stundenlang mit Menschen zusammen, trank einen Kaffee, hörte ihren Geschichten zu und stellte Fragen. „Hör mal, erklär mir dies, erklär mir jenes“, waren dabei seine bevorzugten Worte, denn er wollte verstehen.
Als Fotograf brachte er von diesen Reisen nicht nur Erinnerungen mit zurück, sondern Bilder voller Würde und Menschlichkeit. Besonders die Kinder lagen ihm am Herzen. Über Jahrzehnte entstand so der bekannte Bolivien-Kalender von Inti Runa, dessen Verkaufserlös verschiedene Projekte im Land unterstützte, so auch uns, und gleichzeitig viele Menschen in Deutschland für die Realität benachteiligter Kinder und Jugendlicher in Bolivien sensibilisierte.
Auf der Internetseite von Inti Runa findet sich ein Satz, der viel darüber aussagt, wie Ludwig Menschen begegnete und worauf er vertraute. Dort heißt es, Tres Soles sei für den Verein eine „Garantie für zukunftsweisende und vorbildliche Sozialarbeit in Bolivien“. Für Ludwig war es wichtig zu wissen, dass das Geld, das er verschickte, nicht in irgendwelchen Taschen oder dunklen Kanälen verschwand. Vielleicht war das auch der Grund, weshalb zwischen ihm und unserem Projekt über all die Jahre ein so tiefes Vertrauen entstehen konnte.
Doch Ludwig lernte nicht nur die Schönheit Boliviens kennen, sondern auch gründlich seine Schattenseiten. Die politische und soziale Lage verschlechterte sich zunehmend, besonders während der langen Jahre der sozialistischen Regierung. Bei seiner letzten Reise nach Bolivien wurde er aufgrund einer absurden Anschuldigung sogar kurzzeitig in einem abgelegenen Bergdorf verhaftet.
„Man unterstellte mir allen Ernstes, als Fotograf Kinder entführen zu wollen – man muss sich das einmal vorstellen“, berichtete er mir nach dem Vorfall und ich fügte hinzu : „Ja, in der Tat, welch ein Glück, dass dich die Schwiegereltern meiner Tochter auf der Reise begleitet haben – dank ihres entschlossenen Eingreifens kamst du wieder frei, sonst wäre es tatsächlich schlecht für dich ausgegangen!“ In einem Klima wachsender Intoleranz gegenüber unabhängigen Journalisten und Fotografen war selbst so etwas möglich geworden.
Auch als die Unterstützung immer komplizierter wurde – durch Inflation, Wechselkursverluste, politische Unsicherheit und die Schwierigkeiten, überhaupt noch Geld zuverlässig nach Bolivien zu überweisen –, zog er sich nicht enttäuscht zurück. Manchmal schüttelte er wohl innerlich den Kopf über das Chaos und die Widersprüche dieses Landes. Einmal schrieb er mir nach erneuten wochenlangen Straßenblockaden und Streiks eine Nachricht voller Sorge: „Seit ich Bolivien kenne, kommt es immer wieder zu Unruhen und Verwerfungen. Immer und immer wieder. Was soll man von diesem Land halten, das sich durch die immense Korruption nicht entwickeln kann, trotz der Reichtümer, die dieses Land hat?“
Als der Missio-Eine Welt-Kreis der Kirchengemeinde St. Konrad, der unser Projekt viele Jahre unterstützt und begleitet hatte, seine Arbeit altersbedingt beenden musste, war Ludwig sofort bereit zu helfen. Ohne langes Zögern stellte Inti Runa uns sein Konto für Spendeneingänge in Deutschland zur Verfügung. 
Diese selbstverständliche Hilfsbereitschaft sagt vielleicht mehr über ihn aus als viele große Worte. Menschen wie Ludwig März arbeiten meist im Hintergrund. Sie suchen keine Anerkennung und machen wenig Aufhebens um das, was sie tun. Aber ohne Menschen wie ihn hätten viele Kinder und Jugendliche nie die Unterstützung erhalten, die sie brauchten, um ein neues Leben zu beginnen.
Stefan Gurtner