„Also, das Projekt muss ich unbedingt sehen!“, rief Monika Frehner aus, doch ihre Stimme war dabei ungewöhnlich sanft und leise. Wir waren beide zu einem Tee bei einer Schweizer Diplomatenfamilie in La Paz eingeladen und die Gastgeberin hatte mich Monika unbedingt vorstellen wollen. Diese befand sich auf einer längeren Reise durch Bolivien, um Projekte für ihre „Bolivienhilfe“, wie sie ihre Initiative nannte, auszuwählen. Sie war mit einem erfolgreichen Architekten verheiratet und meinte, dass es Zeit sei, „etwas mit den Ärmsten dieser Welt zu teilen“.
Am nächsten Morgen nahmen Guisela und ich sie in unser Straßenkinderprojekt mit, das in einem baufälligen Haus in einem der Randviertel von El Alto untergebracht war – hoch über La Paz, direkt unter den schneebedeckten Bergen der Anden. Wegen der Höhe bekam sie kaum Luft, denn El Alto liegt immerhin auf über 4000 Metern. Trotzdem war sie von unserer Arbeit so begeistert, dass sie fragte: „Sagt, wie kann ich euch helfen?“
Das Projekt war damals, im Jahr 1989, erst wenige Monate zuvor gegründet worden und die Wahrheit war, dass mein Erspartes und eine Spende meiner Familie bereits fast aufgebraucht waren. „Wir haben kein Geld mehr, um die Miete des Hauses zu bezahlen“, erwiderte ich daher wahrheitsgemäß und schämte mich ein wenig, denn es sah ganz so aus, als hätten wir diese Arbeit begonnen, ohne die nötige Vorsorge und Sicherheit getroffen zu haben. „Weißt du, wir mussten schnell handeln, sonst wären die Kinder alle im Erziehungsheim gelandet …“
Ich erzählte ihr alles, was in der Armenküche geschehen war, und warum das Straßenkinderprogramm gerade in dem Moment geschlossen werden sollte, als mein Freiwilligenjahr zu Ende ging. „Ich übernehme die Mietkosten, dann habt ihr ein Problem weniger“, sagte Monika daraufhin, deren Stimme wegen des Luftmangels noch leiser geworden war, aber deshalb nicht weniger entschlossen klang. „Und ihr könnt mir gleich noch eine Liste mit den nötigsten Reparaturen machen – das Haus sieht ja fürchterlich aus!“
Nun, wir waren damals schon froh gewesen, überhaupt ein Haus zu einem vernünftigen Mietpreis gefunden zu haben. Monika erlitt übrigens während derselben Reise eine Halswirbelverletzung, als der Bus, mit dem sie unterwegs war, frontal mit einem anderen Fahrzeug zusammenstieß. Die Folgen davon sollte sie ihr Leben lang spüren. Doch das hielt sie nicht davon ab, sich von diesem Moment an unermüdlich für die Kinder- und Jugendwohngemeinschaft Tres Soles und später auch für das Studenten- und Lehrlingsheim Luis Espinal einzusetzen.
Auf ihrem Landgut in Südfrankreich kochte sie jedes Jahr eigenhändig Hunderte von Gläsern mit Feigen und anderen selbst geernteten Früchten ein. Diese bot sie anschließend zusammen mit Artikeln aus den Werkstätten von Tres Soles ihrem großen Freundes- und Bekanntenkreis zum Verkauf an. Dazu kamen regelmäßig stattfindende Benefizkonzerte des Trios Satigny, die ebenfalls dazu beitrugen, jene Projekte zu unterstützen, die Monika Frehner mit ihrer „Bolivienhilfe“ über mehr als drei Jahrzehnte hinweg ununterbrochen und großzügig förderte.
Welch ein Zufall, dass Monika Frehner während jener Reise durch Bolivien auch auf eine alte Mitstreiterin des Jesuitenpaters Luis Espinal traf: die ehemalige Nonne Amparo Carvajal, Mitbegründerin des Kommunalprojekts „El Carmen“ in La Paz, das Monika ebenfalls über viele Jahre hinweg unterstützt hatte. Monika war von Amparos Erzählungen über den erbitterten Widerstand gegen die Militärdiktatur, den sie gemeinsam mit Espinal in den Siebzigerjahren geführt hatte, tief beeindruckt und befreundete sich mit ihr. Natürlich war sie begeistert, als wir 2009 das Studenten- und Lehrlingsheim Luis Espinal übernahmen, das den Namen jenes mutigen Geistlichen trug.
Zum letzten Mal traf ich Monika im Jahr 2017 während einer Lesereise mit meinem zweiten Buch über Tres Soles – bei Ursi und Walter Köhli, dem Vorsitzenden unseres Fördervereins. Es war kurz nach dem Tod ihres geliebten Mannes Hans, doch sie hatte noch genügend Energie, um neue Reisepläne zu schmieden. „Ich würde eure Projekte jetzt, nach fast dreißig Jahren, und auch Amparo, gern noch einmal wiedersehen“, sagte sie mit derselben leisen, sanften Stimme wie immer.
Ihre Freundin Amparo Carvajal war aufgrund ihres hartnäckigen Einsatzes für die Menschenrechte – auch unter der sozialistischen Regierung von Evo Morales und seines Nachfolgers Luis Arce – international bekannt geworden. Die Nachricht von der Konfiszierung der Büroräume der betagten Präsidentin der Ständigen Versammlung für Menschenrechte sorgte weit über die Landesgrenzen hinaus für Empörung. Schließlich leitete sie die Arbeit zugunsten politischer Gefangener von einem kleinen Tisch auf der Straße aus, überwacht und beschattet von einer ganzen Schar bewaffneter Polizeibeamter.
Erst nach der historischen Wahlniederlage der sozialistischen Partei wurden Amparo die Räumlichkeiten zurückgegeben. Bereits am 10. Dezember 2024 war sie von US-Außenminister Antony Blinken persönlich in Washington für ihren jahrzehntelangen Einsatz ausgezeichnet worden. Leider war es Monika aufgrund zunehmender gesundheitlicher Probleme nicht mehr vergönnt, noch einmal nach Bolivien zu reisen, aber diese gute Nachricht bekam sie zweifelsohne noch mit. Sie verstarb am 30. August 2025 im hohen Alter von 90 Jahren.
Monika Frehner und ihre „Bolivienhilfe“ sind aus der Geschichte von Tres Soles ebenso wenig wegzudenken wie die Pfarrgemeinde St. Konrad aus Mannheim, der Verein Tres Soles Schweiz oder Inti Runa aus Zwingenberg. Gemeinsam mit all den Helferinnen und Helfern, Spendern und Käufern, die „ihre“ Projekte unterstützten, war Monika über Jahrzehnte hinweg eine treue und großzügige Wegbegleiterin von Tres Soles.
Stefan Gurtner