Wie Ariane und Martin zu Unterstützern von Tres Soles wurden

Es ist gewiss eine Tatsache, dass mehrere Hilfsprojekte in Bolivien und die dazugehörigen Unterstützerkreise durch Besucher entstanden, die das Land zuvor bereist hatten. Es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass Bolivien in den 1980er- und 1990er-Jahren nach dem Ende der Militärdiktaturen für Nordamerikaner und Westeuropäer zu einem Geheimtipp unter Individualreisenden wurde, die abseits der bekannten Touristenpfade neue Länder entdecken wollten.
Neben den wunderschönen Landschaften und dem kulturellen Reichtum, den das Land zu bieten hatte, nahmen aufmerksame Besucher allerdings auch die weitverbreitete Armut wahr. Einige dieser Projekte wurden wohl überstürzt aufgebaut und schlossen bald wieder ihre Türen, während andere die Jahre überdauerten und zu einem wichtigen Bestandteil der sozialen Veränderungen wurden, die im Land stattfanden.
Zu diesen Besuchern gehörten 1985 auch mein Zwillingsbruder Martin und ich, als wir Bolivien mehrere Wochen lang bereisten. Zwei Jahre später kehrte ich in das Land zurück, um als Freiwilliger in einer Armenküche der Jesuiten mitzuhelfen. Allerdings hatte ich noch einen anderen Grund: Ich wollte für ein geplantes Buch recherchieren. Mein Bruder war zwar ebenfalls reisefreudig, aber – wie so oft in unserem Leben – vernünftiger und praktischer veranlagt und begann ein Berufsstudium, während ich in Bolivien hängenblieb.
1993 kehrte auch Martin zusammen mit Ariane, die er mittlerweile geheiratet hatte, für mehrere Monate nach Bolivien zurück, um in der Kinder- und Jugendwohngemeinschaft Tres Soles mitzuhelfen, die ich inzwischen mit meiner bolivianischen Frau Guisela aufgebaut hatte. Das Land war damals von den Aktivitäten zweier Guerillabewegungen geprägt, die das bestehende politische und wirtschaftliche System durch bewaffneten Kampf verändern wollten. Die Folge war ein Klima des Misstrauens, in dem rasch Verdächtigungen aufkamen.
Zu jener Zeit mussten wir auch eine Sozialarbeiterin anstellen, um die gesetzlichen Vorgaben der staatlichen Aufsichtsbehörde zu erfüllen. Obwohl Celia – wie die Frau hier genannt werden soll – vom Jugendamt empfohlen worden war, stellte sich ihre Anstellung leider als Fehlentscheidung heraus, denn sie begann eine Liebesbeziehung mit einem Jugendlichen, der zwanzig Jahre jünger war als sie. „Mon Dieu, gibt es denn so etwas?“, stieß Ariane, die französischsprachige Schweizerin war und sehr resolut sein konnte, entsetzt aus, als sie davon erfuhr.
Guisela und mir blieb nichts anderes übrig, als die Frau zu entlassen und bei den zuständigen Behörden anzuzeigen. Damit war die Angelegenheit allerdings nicht erledigt, denn Celia reichte daraufhin Klage beim Arbeitsgericht gegen uns ein. Sie behauptete, der „geldgierige Gringo“ habe die Vorwürfe nur erfunden, um sie loszuwerden und keine Abfindung zahlen zu müssen. Ein langes juristisches Hickhack nahm seinen Anfang – und Martin und Ariane, die noch manche Male ihr charakteristisches „Mon Dieu“ ausrufen mussten, wurden unfreiwillige Zeugen.
Die Beweismittel – zum Beispiel die Seite des Gästeregisters des Motels, in dem Celia und der Jugendliche für ihr Liebestreffen eingetragen gewesen waren, sowie die ursprüngliche Aussage des Jungen – verschwanden auf mysteriöse Weise aus den Gerichtsakten. Ich wurde als „Gringo“, als Ausländer, Opfer mehrerer Schmiergeldforderungen seitens einiger Justizbeamten. Der Staatsanwalt, der den Prozess betreute, erschien sogar mehrmals betrunken im Projekt, um uns Geld abzuknöpfen, nur damit er anschließend weiterfeiern konnte.
Es kam so weit, dass uns das Arbeitsgericht anwies, einen hohen Geldbetrag in Form eines Schecks als Garantie zu hinterlegen. „Das könnten wir machen, aber wir haben im Moment nicht genug Geld, um einen Scheck in dieser Höhe zu decken“, erwiderte ich dem Beamten. „Macht nichts“, erwiderte dieser. „Der Scheck wird ohnehin erst eingelöst, wenn der Richter über die Abfindung entschieden hat. Bis dahin habt ihr genügend Zeit, die nötigen Mittel aufzutreiben.“ Das Ganze stellte sich jedoch als Falle heraus, denn der Scheck wurde Celia bereits am nächsten Tag – sicherlich gegen einen hohen Schmiergeldbetrag – ausgehändigt, und ich wurde wegen Ausstellung eines ungedeckten Schecks verhaftet.
„Guisela und ich erfuhren jedoch später, dass die Behörden uns schon lange verdächtigt hatten, mit den Guerillabewegungen in Verbindung zu stehen, die im Land Entführungen und Bombenanschläge verübt hatten“, schrieb ich später in einem Brief an Ariane und Martin, die mittlerweile in die Schweiz zurückgekehrt waren. „Nur weil wir mit den schwächsten Schichten der Gesellschaft arbeiteten, gerieten wir unter Verdacht. Das war der eigentliche Grund für die Verhaftung – in Kombination mit dem Arbeitsgericht und der Sozialarbeiterin, die auf diese Weise versuchten, Geld von uns zu erpressen. Glücklicherweise griff die Schweizer Botschaft ein, sonst wäre ich wohl nicht so schnell wieder freigekommen.“
Mein Bruder und seine Frau waren von dieser Geschichte so schockiert, dass sie in der Schweiz den Förderverein Tres Soles gründeten und ihn beim bolivianischen Außenministerium als internationale Hilfsorganisation registrieren ließen. Das dauerte allerdings mehrere Jahre und war mit hohen Kosten sowie viel Bürokratie verbunden. Während längerer Zeit verschaffte uns dieser Status jedoch einen gewissen diplomatischen Schutz vor Missbrauch, der damals in unserem Arbeitsumfeld leider keine Seltenheit war. Wie bereits in einer anderen Würdigung erwähnt, war der erste Präsident des Vereins Renato Dénes, ein mit mir befreundeter Ingenieur, der lange Zeit in Bolivien gelebt und gearbeitet hatte.
Kurze Zeit später führten Ariane und Martins Wege nach Afrika, wo sie sich in Alphabetisierungskampagnen engagierten. Für Tres Soles konnten sie sich deshalb nicht mehr in gleichem Maße einsetzen wie zuvor. Leider verliess uns Ariane, die Bolivien trotz allem sehr liebte, viel zu früh im Jahr 2016, nachdem sie nach einem medizinischen Notfall von den Komoren hatte evakuiert werden müssen. Martin nimmt jedoch noch immer warmen Anteil am Projekt und verfolgt die Ereignisse in Bolivien weiterhin mit großem Interesse.
Stefan Gurtner